3. Perspektiven

- Der Zweck des Artikels

- Die richtige Perspektive

Entscheidend für einen guten Artikel ist nicht etwa das Thema, sondern wie man es bearbeitet. Man kann über Themen schreiben, die man schon Hunderte Male gelesen hat, und es ist, mit einer neuen, überraschenden Perspektive, trotzdem spannend. Und umgekehrt: Das beste neue Thema kann durch einen langweiligen Blickwinkel ruiniert werden.

ZWECK des ARTIKELS

Jeder Artikel hat einen Zweck, den er erfüllen soll: Er soll Antworten auf die Fragen des Lesers geben. Auch wenn er ihm vielleicht gar nicht bewusst ist, dass er diese Fragen hat. Danach entscheidet sich automatisch, welche Perspektive man zu einem Thema einnimmt. Wer sachlich beschreiben will, steht neben dem Geschehen, wer es einordnen will, begibt sich darüber, um es zu vergleichen. Und wer wissen will, wie es sich als Handelnder anfühlt, begibt sich direkt mitten ins Geschehen.

Dabei ist es zweitrangig, ob das der Journalist nun Feature, Reportage oder Kommentar nennt. Das ergibt sich automatisch aus dem Zweck.

Entscheidend ist einzig der Zweck, das Anliegen des Artikels, mit dem die Inhalte dargestellt und erklärt werden sollen.

Zweck und Perspektiven von Artikeln

Was soll mitgeteilt werden? (Zweck)

Beobachter-Perspektive

beschriebene
Akteure

Das nennt man dann (Genrename)

Textlänge
A4, 9pt

WAS ist passiert?
Beschreiben

daneben

Mind. 1,
besser 2

Meldung (kurz), Nachricht, Infokasten

1/4 - 1 Spalte

WAS genau ist passiert?
Beschreiben/Erklären

Daneben,
Zoom nach Innen auf mehrere Personen

Mind. 2,
besser 3+

(Hintergrund-)Bericht

½-1 Seite

WELCHE POSITION -
Warum ist es passiert?
Stellung nehmen

Daneben,
feste Nahaufnahme

1-2
(Einzel- oder Streitgespräch)

Politiker-Interview
Akteurs-Interview

½-1 Seite

Erklären
Experten-Interview

WIE macht das jemand? Erklären

Von innen, Nah­
aufnahme folgt

1-2 Haupt­akteure

Reportage (Besonderer
Einzelfall/Erlebnis)

1-2 Seiten

WIE funktioniert das? Erklären

Zoom, von innen nach außen

1-3 Beispielfälle

Feature (Typisches, Komplexes erklären)

½-1 Seite

WOHER kommt es?
Erklären

Zoom, mehrfach hin
und her

1-3 Beispielfälle

Tendenzen aufzeigen:
Magazingeschichte

½-1½ Seiten

WAS IST DAVON zu halten, WARUM ist es passiert?
Stellung nehmen

Fest,
Direkt: Von oben;
Montage

1-2

Ernst: Kommentar, Kritik
Unterhaltsam: Glosse

½ - 1 Spalte

Die Perspektive bleibt jedoch nicht starr. Sie bewegt sich - wie eine Kamera beim Film - von außen nach innen, oder sie folgt auch mal die ganze Zeit einem Akteur. Dabei dient sie dem Anliegen. Und ähnlich wie im Film gilt: Ständige Perspektivsprünge, Orts- und Zeitwechsel verwirren ebenso wie zu viele Hauptakteure.

DIE RICHTIGE PERSPEKTIVE

Man muss sich wieder einmal fragen:

  • Was könnte die Zielgruppe, was könnte den Leser interessieren?
  • Und außerdem: Welche Perspektive kennt er noch nicht? Oder: Was sieht aus einem bestimmten Blickwinkel anders aus, als der Leser glaubt?

Auf jedes Thema sind sämtliche obigen Perspektiven anwendbar. Dies hat für den Leser sogar einen ungeheuren Reiz. Er erfährt sowohl, was los ist, als auch, was die Betroffenen dazu sagen und was schließlich der Journalist davon hält.

Dafür ist zunächst das Thema zu personell grob zu umreißen:

  • Welche Akteure gibt es alles (Befürworter, Gegner, Entscheider)?
  • Wer ist betroffen, wer nicht?
  • Gibt es Experten, die es erklären können
  • In welchem zeitlichen und örtlichen Rahmen bewegt es sich?
  • Was weiß man bereits aus anderen Quellen?

Näheres dazu auch unter 2. Recherche

Nehmen wir eine Bahnfahrt nach der Kneipe - kennen wir eigentlich alle. Aber:

  • Wie geht es dabei dem Bahnfahrer oder dem Kontrolleur? Was macht der die ganze Zeit? (WIE macht das jemand -> Vorn mitfahren). Der Leser wird zum Voyeur, bekommt Einblick hinter verschlossene Türen.
  • Wird das Angebot an Bahnfahrten oder die Zahl der Kontrolleure reduziert? (WAS genau ist passiert).
  • Was sagen deren Familien, was Schwarzfahrer, was die Hauptstraßenanwohner? (WIE funktioniert das?)
  • Was sagen Experten dazu? Muss es eher verbessert oder eingespart werden? (WELCHE Position)
  • Rechnet sich das für das Bahnunternehmen? Wie sieht es mit dem Angebot in anderen Städten aus? (WOHER kommt es, und WARUM ist es passiert)?
  • Was bedeutet das für uns, wenn wir nach der Kneipe nach Hause wollen? (WAS IST DAVON zu halten)

Literatur:

  • Peter Linden: Wie Texte wirken. 2. Auflage. Berlin 2000.

Das Rest fast noch ein Klacks. Fast. Denn jetzt geht endlich daran, den Artikel zu schreiben: 4. Aufbau